Through the Life - Julia und Ümit

Through the Life – Julia und Ümit

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Through the Life ist ihr Lebensmotto. Im Januar machte sich das russisch-türkische Ehepaar Julia und Ümit mit ihren Fahrrädern auf den Weg Richtung Asien. Während ihrer Reise traf ich die beiden und quetschte sie ein bisschen über ihre internationale Beziehung aus.

Den ersten Ausländer, den Julia im Ausland sah und traf, heiratete sie. Und Ümit bezeichnet sich als einen großen Glückspilz, weil er eine große, blonde Frau mit blauen Augen zur Frau nahm. Die Äußerlichkeiten sind aber eine Nebensache. Trotz ihrer unterschiedlichen kulturellen Erziehung in Russland und in der Türkei und ihrer paradoxen Charaktereigenschaften, können Julia und Umut nicht ohneeinander sein und überstehen zusammen eine große Reise mit dem Rad quer durch Europa bis in den Iran. Denn für sie heißt es: Through the Life.

Julia kommt aus Russland. Sie hat Informatik studiert, denkt daher stets „technisch“, liebt Kunst, spielt Geige und ist ein Sprachgenie. Sie spricht Russisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und lernt nun Türkisch.

Ümit hingegen ist in der fernen Türkei geboren und aufgewachsen. Er schaut sich gerne Trailer und Filme an, liest und ist der „Marketing-Guy“ in der Beziehung. In den Augen seiner Frau ist er der warmherzigste Mann, den sich je traf.

Getroffen haben sich Julia und Ümit 2011 in Münster, als sie dort beide Deutsch lernten. Ein Couchsurfing-Meeting sollte der erste Stein in ihrer Liebe sein. Doch der erste Stein war schwer zum Rollen zu bringen, denn die beiden haben erstmal gar nicht miteinander gesprochen. Ümit wirkte auf Julia arrogant und sie wirkte sehr kühl. Letztendlich waren sie auf dem Couchsurfing-Meeting nicht um einen Liebespartner zu finden. Ümit war bereits seit drei Jahren in Münster und war etwas von den Leuten dort enttäuscht und wollte neue Menschen kennenlernen. Julia hingegen suchte nur einen Ort, wo sie ihr Deutsch erweitern konnte.

Wie ging es dann weiter?

Julia Wir sind dann doch durch eine dritte Person ins Gespräch gekommen und haben unsere Nummern ausgetauscht. Nachdem ich dann bei ihm das erste Mal couchsurfen war, bereitete er das Frühstück vor. Ich ging von einer Kleinigkeit aus, aber was ich zu sehen bekam, war nicht nur ein „simple breakfast“. Auf dem Tisch waren Brot, Oliven, verschiedene Käsesorten etc. Dann war mir klar, ich bin bei einem Türken zu Hause, da sieht die Frühstücksmentalität etwas anders aus.

Was findest du bei den Türken noch so alles anders?

Julia Die türkische Sprache ist schon seltsam. Und in der Türkei reden alle so laut durcheinander. Wenn seine Eltern beispielsweise über verschiedene Käsesorten sprechen, klingt das für mich sehr emotional. Mir ist aufgefallen, dass die Türken oft über Essen oder Politik reden. Auch wenn Ümit mit seinen Freunden redet, geht es z.B. um Baklava und wo man den besten in der Stadt kaufen kann. Ümit hat Temperament. Das finde ich sehr gut.

Ümit, welche Unterschiede sieht du zwischen Türken und Russen?

Ümit Ich kann jetzt nur über Julia etwas sagen. Sie redet grundsätzlich nicht viel. Es ist auch oft kompliziert sie zu verstehen. Wenn irgendetwas nicht stimmt, redet sie oft nicht darüber, aber ich merke es. Und wenn sie dann den Mund aufmacht, ist sie sehr direkt. Auch ihr Humor ist sehr scharf, der dich in eine unbequeme Lage versetzen kann. In all ihren Jokes steckt immer ein bisschen Wahrheit.

Im Gegensatz zu den türkischen Familien finde ich ihre Familienverhältnisse sehr distanziert. Ich muss Julia sogar immer daran erinnern, dass sie zweimal im Monat ihre Eltern anruft. Das ist nicht wie bei den Türken. Ich weiß ganz genau, was bei meiner Familie los ist. Meine Mutter möchte immer noch, dass ich sie alle zwei Tage anrufe.

Als ich bei ihren Eltern in Russland war, habe ich ihre Mutter und ihren Vater kein einziges Mal streiten gesehen. Sie haben eine andere Art von Temperament. Es herrscht dann eher eine unangenehme Stille.

Aber ich kann mit diesen Charakterzügen sehr gut umgehen. Meine vorherige Freundin war aus Norwegen. Die hatte ein ganz anderes Temperament und die Beziehung scheiterte. Mit deutschen Frauen konnte ich auch nicht viel anfangen, weil die kulturellen Unterschiede für mich zu groß waren. Die Beziehungen waren funktional, aber überhaupt nicht romantisch.

Was mögt ihr besonders an der anderen Kultur?

Julia Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Ich liebe Börek mit Käse und Spinat. Den türkischen Cay mag ich zwar nicht besonders, aber das gemütliche Ambiente während des Caytrinkens finde ich sehr harmonisch. Und jedes Mal wenn ich in einem türkischen Bad, im Hamam, bin, fühle ich mich sehr wohl. Die Massage mit den Birkenästen ist für immer immer etwas Besonderes. In Russland war ich bereits als kleines Kind in der Sauna, deswegen macht mir die Hitze nichts aus.

Ümit Ich mag den Honiglikör sehr, außerdem die eingelegte kalte rote Beete und die Suppe mit Kefir. Bei diesen Köstlichkeiten kann ich nie widerstehen. In der Heimatstadt Julias konnte ich die Ruhe genießen. Dort sind so wenige Menschen. Ich bin aus Izmir, dort leben so viele Menschen.

Türkischer Tee

Wie haben eure Eltern auf eure Beziehung reagiert?

Ümit (lacht) Als meine Oma Julia sah, war sie begeistert. Sie wollte immer eine große blonde Schwiegerenkelin mit blauen Augen. Meine Eltern waren sehr interessiert und sagten, sie sei perfekt für mich.

Julia Meine Mutter hat sich gleich Bücher über die Türkei aus der Bibliothek ausgeliehen, die aber sehr alt und voller Vorurteile belastet waren. Aber letztendlich sind sie glücklich, wenn ich auch glücklich bin. Das Gute ist, dass die türkischen Serien wie „Muhtesem Yüzyil“ und „Aski Memnu“ auch in Russland im Fernsehen sind, die meine Eltern mögen.

War eure Hochzeit eher türkisch oder russisch?

Julia Wir haben im August 2016 geheiratet. Zwei Hochzeiten wären zu teuer, weil wir eine Liste mit möglichen 200 bis 300 Gästen vorher erstellt hatten. Letztendlich haben wir in Russland in Anwesenheit der Familie und von engen Freunden geheiratet.

Ümit Auf unserer Feier hatten wir ein leckeres Dinner. Die Musik war international. Da unsere indischen Freunde anwesend waren, wurde viel indische Musik gespielt. Wir hatten nur ein kleiner Problem mit der Tischordnung, da sich einige Gäste gar nicht miteinander unterhalten konnten.

Wie seit ihr auf die Idee gekommen, eine Radtour zu machen?

Ümit Julia hatte sich beschwert, dass wir nichts gemeinsam unternehmen. Ihr Mutter habe schließlich auch immer etwas unternommen, aber Türken seien ja immer so bequem. Das sollte natürlich nicht so stehen bleiben.

Julia Ich mag Outdoor-Unternehmungen. Ich bin einen Monat von Deutschland bis nach Spanien gehitchhiked. Außerdem waren wir beide mit unseren Jobs unzufrieden und wir haben eine Abwechslung gebraucht.

Ümit Wir haben dann mit einer Dreitagestour in Deutschland gestartet. Danach war für uns klar, dass wir mehr wollen. Im Januar 2017 schließlich starteten wir in den Niederlanden los Richtung Osten. Ein Zuhause brauchen wir erstmal nicht. Mein Zuhause ist da, wo Julia ist.

Julia Genau. Wir biken erstmal das Leben. Was wir nach der Tour machen, wissen wir noch nicht so genau. Aber wahrscheinlich lassen wir uns vorerst in Berlin nieder.

Through the Life

Ist also Through the Life euer Lebensmotto?

Ümit Ja, das Motto gilt für uns beide. Wir beide haben zusammen diese Radtour angefangen und beende sie auch gemeinsam. Für mich persönlich gilt aber auch, dass man das Leben einfach genießen und alles was kommt, einfach annehmen soll: C`est la vie. Zudem gehört das Meditieren und minimalistisch zu leben zu meiner Lebenskultur

Julia Ich bin Katholikin. Und als Katholikin ist es das Beste, an sich zu glauben und sich so zu stärken. Aber manchmal gilt auch: Shit happens. 🙂

Wo seht ihr euch in zehn Jahren?

Ümit Wir werden sicher unseren Leidenschaften folgen. Wir reisen gerne, möchten mehr über andere Kulturen lernen und außergewöhnliches Essen probieren. Auf persönlicher Ebene möchte ich mich im Storytelling weiter entwickeln.

Julia Ich möchte noch weitere Sprachen lernen. Drei Kinder wären auch schön, die dann viersprachig aufwachsen. Von mir lernen sie Russisch, von Ümit Türkisch, gemeinsam sprechen wir dann Englisch und in der Schule lernen sie automatisch Deutsch. Wir würden gerne in Berlin bleiben und ein eigenes Café mit einer Gallerie aufmachen. Einen kleinen Garten mit meinem eigenem Gemüse hätte ich sehr gerne.

Ümit Einmal fragte ich sie eines kalten Winterabends, ob sie gerne auf einer Farm leben würde. Nach einer kurzen Stille schaute sie mich erschrocken an und sagte, ob ich sie auf den Arm nehmen möchte, mit ihr Kartoffeln und Karotten im Matsch zu ernten. Aber für mich heißt auf der Farm zu leben, Oliven- und Weintraubenanbau zu betreiben, wie in Izmir.

Und was ist euer Rezept für eine gute Ehe?

Ümit Mein Vater sagte immer zu pflegen: „Ich habe das letzte Wort in der Familie und das ist Ja, meine Liebe.“ Eine glückliche Ehefrau sorgt für ein glückliches Eheleben.

 

Titelbild: Quelle

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1 Comment
  1. Ümit 6 Monaten ago
    Reply

    Hi, wir würden die beiden, Julia & Ümit gerne kennenlernen, wenn sie in Berlin ankommen sollten. Wir beide heißen ebenfalls Julia und Ümit und sind ebenfalls verheiratet 🙂

    Viele Grüße,
    Julia & Ümit

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