Mutter

Der erste Muttertag ohne Mutter

by

Es ist nichts mehr normal

Am 22. März 2018 habe ich dich, liebe Mutter, verloren. Seitdem ist nichts mehr normal. Normalerweise wäre ich eine Woche vor dem Muttertag auf die Suche nach einer kleinen Aufmerksamkeit gegangen. Normalerweise hätte ich dich hinter der Blume versteckt gefragt, ob du etwas brauchst. Normalerweise hättest du mich gleich gefragt, ob das ein Muttertagsgeschenk sein soll. Normalerweise hätte ich in unserem Lieblingscafé in Schöneberg einen Frühstückstisch für vier Personen reserviert und du hättest wie immer dein Lieblingsfrühstück bestellt. Normalerweise hättest du eine Karte von mir bekommen, wenn ich mal wieder nicht bei dir, sondern im Ausland war. Normalerweise hätte ich online Blumen bestellt, damit sie pünktlich bei dir als Überraschung ankommen.

Du liebtest Blumen, insbesondere Rosen. Deshalb nanntest du deine erste Tochter Gül (türk. Rose) und mich Şeyda(türk. Die Nachtigall, die in die Rose unsterblich verliebt ist.). Normalerweise hättest du diese Rosen liebevoll gepflegt, sodass du sie lange noch betrachten kannst. Normalerweise hättest du auch mit ihnen gesprochen, damit sie weiter blühen und nicht verwelken. Und normalerweise hättest du den Satz gesagt, eigentlich sollte nicht nur ein Tag speziell den Müttern gewidmet werden, sondern alle Tage. Wie recht du damit hattest.

Deine Wünsche

Normalerweise würde es dein Herz zerreißen, wenn du mich jetzt weinen sehen würdest. Normalerweise würdest du tief in meine Augen schauen, als wolltest du meinen Kummer in dich hineinsaugen, nur damit es mir besser geht. Normalerweise wärst du sogar trauriger als ich, wenn du mich weinen sehen würdest. Normalerweise würdest du mich mit deinen weisen Worten ermuntern.

Wie normal doch alles zu deinen Lebzeiten war. Seitdem du weg bist, versuche ich all das zu beherzigen und umzusetzen, was du dir gewünscht hattest. Eine Woche vorher wusstest du ganz genau, dass du sterben wirst. Die ganzen Stunden, in denen ich dich im Krankenhaus nicht alleine ließ, hast du deine Herzenswünsche geäußert. Ich habe dich oftmals enttäuscht, und das tut mir nun im Nachhinein schrecklich leid. Aber ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um deine Wünsche zu erfüllen.

Mutter, wer soll das jetzt machen?

Auch wenn ich nicht immer deinen Worten und Appellen Gehör geschenkt habe, weiß ich aus tiefster Überzeugung, dass sie mich nur schützen sollten. Wie recht du doch mit all deinen Mahnungen hattest. Wie recht du doch mit all deinen Hinweisen hattest. Wer wird mir denn nun mit Rat und Tat zur Seite stehen? Normalerweise hätte ich gesagt, ich bin ein erwachsener Mensch, ich treffe meine Entscheidungen alleine.

Du fehlst

Aber nun fehlst du mir. Du fehlst. Du wirst immer fehlen. Du hast eine riesengroße Leere in mir hinterlassen. Du hast eine große Leere in der Familie hinterlassen. Du warst wie der starke Stamm eines Baumes, der all die Äste festhielt. Dieser Stamm ist durch nichts zu ersetzen. Und wir Äste versuchen uns an anderen Ästen festzuhalten, um ja nicht abzubrechen.

Wenn du jetzt könntest, würdest du sagen, bleib stark, egal, was dir im Leben zustößt, du darfst dich niemals unterkriegen und ausnutzen lassen, du bist intelligent, schön und voller Energie. Lass dir von anderen nie das Gegenteil erzählen. Vertraue anderen nur soviel, dass du bei Vertrauensbruch nicht enttäuscht wirst. Lass dich nicht unterkriegen. Du hast so viele Hürden in deinem Leben überstanden, dass du auch diese Hürde meistern wirst. Denn dazu habe ich dich erzogen. Dass du alleine als Frau auf eigenen Beinen stehen kannst, dein eigenes Geld verdienst und nicht abhängig von einem Mann bist. Geh deinen, aber richtigen Weg und ich werde dich immer unterstützen, solange ich lebe.

In tiefer Dankbarkeit

Ja, meine liebe Mutter, das hast du wahrlich gemacht. Du hast mich in allen Dingen unterstützt. Dafür danke ich dir. Ich danke dir, dass du so eine tolle, liebe und engelsgleiche Mutter warst. Ich danke dir, dass du immer an meiner Seite warst, wenn es mir schlecht ging; auch wenn ich meinen Kummer vor dir verheimlichte, damit du nicht traurig wirst. Du wusstest immer Bescheid. Wie hast du das alles bloß gemacht?

Ich danke dir für all die Liebe und Wärme, die du mir gegeben hast. Ich danke dir, dass ich DICH als Mutter hatte. Die Worte reichen kaum aus, wie sehr ich dankbar bin, von dir so viel Gutes gelernt zu haben. Die Worte schwirren wie ein Schmetterlingsschwarm in meinem Kopf, kann sie kaum fassen. Ich muss sie fangen, sortieren und ordnen. Ich muss einfach mehr über dich schreiben. Ich werde mein Versprechen halten, das ich dir am letzten Abend vor deinem Tod gegeben habe. Ich werde ein Buch über dich schreiben. Es wird dauern. Es wird nicht einfach sein. Ich werde Hilfe brauchen. Aber ich werde einen Roman schreiben. Ich halte mein Versprechen.

Meine liebe Mutter, normalerweise würde ich dich auf deine Wangen küssen und dich ganz fest umarmen. Und vielleicht würden wir auf dem Bett kuscheln, bis du eingeschlafen bist. Wen soll ich denn nun am Muttertag umarmen?

Ich liebe dich.

Dich, meine liebe Mutter, gab es nur einmal und niemand kann dich ersetzen.

Der Muttertag ohne dich ist unerträglich. Es ist nichts mehr normal.

You may also like

2 Comment
  1. Hürrem 4 Monaten ago
    Reply

    Seyda, Deine Worte sind mir so nahe gegangen und ich kann jeden einzelnen Satz nachvollziehen und fühlen. Du beschreibst meine größten Ängste, an die ich nie denken möchte – und doch wird der Moment irgenwann kommen. Ich denke sehr an Dich und versuche Deine Trauer mitzutragen – auch wenn das Deine Gefühle nicht erleichtern kann..

    • Nur Şeyda Kapsız 4 Monaten ago
      Reply

      Vielen lieben Dank. Sogar die kleinsten Kommentare bedeuten mir sehr viel; insbesondere deine. Danke.

Leave a Comment

Your email address will not be published.

Zur Werkzeugleiste springen